Leseprobe: Gutachten: Twists of the Tale, An Anthology of Cat Horror. Hrsg. Ellen Datlow

Agent: Thomas Schlück, 30827 Garbsen
Gutachterin: Waltraud Horbas

Inhaltsangabe: Sammlung aus 19 Kurzgeschichten rund um das Thema Katzen

Morlen, No Heaven...:
Hauptfigur ist ein alter Mann, der Reklamebilder an Scheunen malt. Seine Meisterwerke sind überdimensionale, lebendig erscheinende Katzen. Eines Tages wird er tot zu Füßen seines Lieblingsbildes gefunden. Scheinbar haben die Katzen ihn in ihre Kreise aufgenommen, und er ist ans Ziel seiner Träume gelangt.
Liebevolle Beschreibung der Leidenschaft eines alten Mannes, eher phantastische Erzählung denn Horrorgeschichte.
Symbolik: Katzen als Projektionsfläche der Sehnsüchte

Kress, Marigold Outlet:
Ein Junge, der von Vater und Mutter physisch und psychisch mißhandelt wird, flüchtet sich in die Welt der Katzen, da er "a deep safe place" in den Katzenaugen zu finden meint. Als sich sein Zustand nach der Trennung von den Eltern einigermaßen stabilisiert hat, muß er aufgrund eines Gerichtsbeschlusses zu ihnen zurück. Daraufhin nimmt er sich das Leben, um sich völlig in die stille Welt der Katzen zurückziehen zu können.
Spannend und einfühlsam geschrieben. Gute psychologische Darstellung der Auswirkung von Gewalt auf das Kind, sein Versuch, die Ängste zu verarbeiten. Durchgehend aus der Perspektive des Jungen geschrieben.
Symbolik: Katzen als Rückzugsmöglichkeit vor der Realität, zugleich beunruhigendes Element.

Wilson, Best Friends:
Die gesamte Erzählung ist ein einziger, langer Monolog, geführt von einer Frau. Im Verlauf ihrer Rede wird deutlich, daß es eine enge, schicksalhafte Verbindung zwischen bestimmten Frauen und Katzen gibt. Die Frauen scheinen sich verpflichtet zu haben, keine tiefere Verbindung mit einem Mann einzugehen, führen als Gegenleistung dafür ein Leben in Luxus und kümmern sich aufopfernd um ihre Hauskätzchen. Sobald ein Mann ins Leben einer dieser Frauen tritt, entspinnt sich regelmäßig ein mörderischer Konflikt ...
Kein Horror, sehr ironisch geschrieben.

Royle, Skin Deep:
Zwei Männer in der Wildnis auf der Jagd nach einer Wildkatze, die sie töten und an einen Tierpräparator verkaufen wollen. Einer ist der heimliche Liebhaber der Ehefrau des anderen. Während ihres Wochenendstreifzugs wächst beim Liebhaber der Verdacht, daß der Ehemann alles über die Affäre weiß. Immer wieder spricht der Ehemann auf unheimiche Weise von den Verfahren des Präparators. Der Liebhaber glaubt, daß es nunmehr um Leben und Tod geht, und flüchtet schließlich. Er irrt durch den Wald zurück zum Auto. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Er will die Geliebte warnen, findet sie jedoch bei seiner Ankunft bereits präpariert in ihrem Haus.
Sehr, sehr spannend geschrieben, Handlungsaufbau ist klug durchdacht. Frage, was den eigentlichen Menschen ausmacht, das sichtbare Äußere oder sein verborgenes Inneres.
Symbolik: Katzenmotiv eher nebensächlich, das Häutungsmotiv steht im Vordergrund. Kazte ist zufällig das Tier, das getötet und präpariert werden soll.

Koja/Malzberg, Homage to Custom:
Trister Alltag einer Prostituierten, der nur durch ihren Kater an Wert gewinnt. Identifikation mit dem Kater, um sich Distanz zu schaffen und so ihre Kunden zu ertragen. Imaginiert nächtliche Streifzüge durch die Augen des Tieres. Kater wird schließlich von den Hunden zerrissen und Prostituierte zieht los, um ihren eigenen Mörder in den nächtlichen Straßen zu finden.
Traurig und einfühlsam. Alltagshorror einer Prostituierten. Sehr gut geschrieben, bewegende Darstellung der Psyche der Frau.
Symbolik: Kater als Fluchtmöglichkeit, Zugang zu einer Traumwelt, die auch grausam und trist, aber ein wenig freier ist. Bleibt sehr realistisch in der Darstellungsweise, gleitet nicht in den Kitsch ab.

Clegg, The Five:
Ein Mädchen gelangt zu der Überzeugung, daß ihr Vater fünf Kätzchen in der Wand eingemauert hat, und entwickelt eine Phantasiewelt um diese eingemauerten Katzen, die sie als Rückzugsmöglichkeit, Trost und Waffe gegen ihre Eltern gebraucht. Sie verschließt sich schließlich völlig gegen die Alltagswelt, um sich ausschließlich mit ihren Phantasiekatzen zu beschäftigen.
Subtile Darstellung von Kindsmißbrauch, überzeugend geschrieben.
Symbolik: Katzen zeugen von der schrecklichen Angst des Mädchens.

Cadnum, The Man Who Did Cats Harm:
Ironische Darstellung eines Mannes, der Katzen ungewollt Leid zufügt und von der Gesellschaft deshalb geächtet wird. Die Katzen scheinen es aber ganz im Gegenteil auf ihn abgesehen zu haben.
Witzig und ironisch, kein Horror.

Smith, Not Waving:
Beziehungsgeschichte. Mann ist mit Erfolgsfrau/Bulimikerin zusammen, verliebt sich in andere Frau. Damit treten Katzen als beunruhigendes Element in sein Leben. Sie dringen immer wieder in seine Wohnung ein, sehr zum Leidwesen der Karrieredame, die eine Katzenphobie hat. Er bleibt schließlich bei seiner Freundin, da er sich für sie verantwortlich fühlt.
Mittelmäßige Erzählung. Weder besonders aussagekräftig noch spannend geschrieben. Die psychologische Darstellung stimmt einigermaßen.
Symbolik: Katze als beunruhigendes Element wirkt gezwungen und klischeehaft.

Burroughs, Ruski:
Witzige, derbe Geschichte über einen Kater, der angeblich reden kann und ständig peinliche Details über Besucher ausplaudert. Nach seiner Ermordung verfolgt er seinen Mörder als Geisterkater.
Sehr gut und zynisch geschrieben, kein Horror.

Storm, Of a Cat, But Her Skin:
Junge Frau bewältigt ihre Beziehungskrise mit notorisch eifersüchtigem Partner, indem sie sich mit Katzen und einer Frau, die schon lange tot ist, auseinandersetzt. Durch die Identifikation mit dem Katzencharakter erreicht sie Souveränität und ein Gefühl von Eigenständigkeit, das ihr nicht mehr genommen werden kann.
Obwohl die Beschreibung klischeehaft wirken mag, ist die Geschichte sehr schön geschrieben. Gute und beklemmende psychologische Darstellung, die Figurenzeichnung ist überzeugend und geht sehr tief. Leicht unheimlich, aber eher Beziehungsgeschichte denn Horror.
Symbolik: Katze als Vorbild für Lebensgestaltung und Beziehungen

Taylor, Walled:
Eine Frau, die seit vielen Jahren ihr Leben in einer Irrenanstalt fristet, hört eine Katze schreien. Sie erfährt, daß das Tier im Mittelalter in die Wand eingemauert wurde. Die Frau versucht, den Katzengeist zu befreien und verschwindet schließlich selbst in dem Loch, das sie in die Wand gegraben hat.
Die Wahrnehmungswelt der Frau wird sehr interessant dargestellt. Die Geschichte läßt den Leser tief mitfühlen, sie ist bedrückend und dennoch schön zu lesen. Es kommt die Frage auf, ob die angeblich kranke Frau in ihrer Wahrnehmung nicht doch recht hat.
Symbolik: Katze als Zeichen für Sehnsucht nach Freiheit und Tod.

King, The Cat from Hell:
Alter Mann beauftragt Killer, eine Katze zu töten, die angeblich schon drei Menschen auf dem Gewissen hat. Der Killer nimmt die Katze im Auto mit, und das Tier greift schließlich an. Spannender Zweikampf mit der Höllenkatze, die schließlich ihre Rache vollzieht. Unaufhaltsam.
Ein typischer Stephen King. Spannend und grausig. Bleibt in der psychologischen Darstellung eher an der Oberfläche. Verbindung von Wissenschaft (Tierversuche/ethische Schuld) und Unheimlichem (Rache der Höllenkatze).

Spruill, Humane Society:
Psychologin macht Tauschhandel mit Vergewaltiger/Serienkiller, der noch sieben Tage zu leben hat, ehe er hingerichtet wird. Sie bringt ihm seinen Kater, zu dem er einen tiefen Bezug hat, immer wieder in die Zelle, und darf ihn als Gegenleistung über seine Motive ausfragen. Sie will dem psychologischen Mechanismus des Serientäters auf die Spur kommen. Als sie Nachts zu nach Hause kommt, hört sie im Fernsehen, daß der Mörder aus der Zelle entkommen ist. Sie weiß, daß er kommen wird, um sie zu töten.
Sehr spannend geschrieben. Szenario entspricht dem klassischen Thriller. Eine Frau allein im Haus, und sie weiß, daß der Mörder unterwegs ist oder sich bereits in der Wohnung aufhält.
Symbolik: Katze wird weniger als Symbol benutzt, für den Mann ist das Tier eine Identifikationsfigur (ebenfalls ein Killer). Ansonsten ist der Kater vor allem wichtig für die Entwicklung der Handlung.

Lane, Scratch:
Ein Junge wächst unter miserablen Umständen auf und ist schon früh dazu verurteilt, auf der Straße zu leben. Sein einziger Vertrauter ist eine Katze, die ihm hilft, mit seinem schrecklichen Leben zurechtzukommen. Als die Katze umgebracht wird, wird er selbst zum Mörder.
Ziemlich realistische Geschichte, bedrückend. Entspricht den englischen Realismusfilmen, die momentan kursieren, Arbeitermilieu, extreme Armut. Ebenfalls gute psychologische Darstellung der Figuren.
Symbolik: Die Katze ist konkret dargestellt - keine Projektionsfläche, sondern tatsächlich das einzige Wesen, zu dem der Junge eine Art von Beziehung aufbauen kann.

Oates, Nobody Knows My Name:
Sensibles Mädchen aus gut situierter Familie wird vernachlässigt und weiß, daß es im Grunde unwichtig ist, als ihre Mutter noch ein Baby bekommt. Eine große Katze taucht immer wieder auf. Nachts kommt das Tier und legt sich auf ihre Brust oder aufs Gesicht, bis sie fürchtet zu ersticken. Eines Tages muß sie auf das von ihr gehaßte Baby aufpassen. Vor ihren Augen legt sich die Katze auf das Gesicht des Säuglings. Sie reagiert erst, als das Baby tot ist.
Gute Darstellung der Psyche des Mädchens, überzeugend geschrieben.
Symbolik: Katze könnte auch einfach ein Phantasieprodukt des Kindes sein. In jedem Fall ist das Tier beunruhigend, zeigt den verdeckten Haß und die Sehnsüchte des Mädchens.

Jacobs, Thank You for That:
Reichlich absurde Geschichte um die Nöte einer Katzenbesitzerin. Als Liebesbeweis bringt ihr die Katze zunächst Mäuse. Als die Katze sterilisiert wird, steigern sich die Gaben ins Unaussprechliche. Sie bringt Körperteile von Menschen an, die sie scheinbar angegriffen hat. Besitzerin fügt sich darin, weil sie gelesen hat, daß man eine Katze loben muß für ihre Geschenke, sonst wird das Tier neurotisch.
Witzig geschrieben, nett zu lesen. Aber auch keine Horrorgeschichte.

Clemens, I Gatti di Roma:
Böse Frau tyrannisiert Ehemann, Stieftochter und Sohn. Ehemann rächt sich, indem er sich umbbringt und sein gesamtes Vermögen seiner leiblichen Tochter hinterläßt. Sohn entpuppt sich als Sexualtäter und Serienmröder, der auf diesem Weg seine Aggressionen gegen die übermächtige Mutter abbaut. Als er die eigene Stiefschwester angreift, die Erbin des Vermögens und eigentliche Hauptfigur der Erzählung, kommen ihr I Gatti di Roma zu Hilfe.
Gut erzählt, spannend und überzeugend. Der Horror liegt eher in den Familienverhältnissen.

Hoffman, Incidental Cats:
Seltsame Geschichte um einen Mord unter Menschen, der durchgehend aus der Sicht der Katzen erzählt wird. Sehr schön, da eigene Ausdrucksweise entwickelt wird. Der Mord interessiert die Katzen nur insofern, als er ihr Leben nachhaltig verändern wird. Wer soll sie jetzt füttern? Der Leser hingegen kann Rückschlüsse auf die Ereignisse ziehen und sich seine eigene Vorstellungen von den Umständen der Tat machen.

Lee, Flowers for Faces, Thorns for Feet:
Fantasygeschichte in unbestimmter Welt, Zeit ist ebenfalls nicht bestimmbar. Als ein Hexenjäger ins Dorf kommt, verwandeln sich zwei Frauen in Katzen und fliehen, denn sie wissen, daß sie die Inquisition nicht überleben würden. Sie treffen auf Luzifer in Form eines schönen Katers, der ihnen eine Reihe von Geschichten mit viel Symbolcharakter erzählt.
Auch kein Horror, eher nachdenklich.

Gesamtbeurteilung:

Die Anthologie ist sehr anspruchsvoll und hat namhafte Autoren vorzuweisen. Die meisten Geschichten des Bandes sind nicht dem Horrorgenre zuzuordnen. Die Katzensymbolik wird beinahe in allen Geschichten auf psychologischer Ebene verarbeitet. Oft sind die Katzen Projektionsfläche von Ängsten und Sehnsüchten, auch Fluchtpunkt aus einer unerträglichen Realität. Dazwischen sind immer wieder absurde oder ironische Geschichten gestreut. Der Horror ist meist unterschwellig und resultiert aus unerträglichen Lebensumständen, die sehr real sind. Ich finde die Zusammenstellung gelungen, die Katzenmotive sind selten klischeehaft oder platt.

Unterteilung in:

Die Anthologie ist unbedingt zu empfehlen, allerdings weniger als Sammlung von Horrorgeschichten. Damit würde die Erwartung dieses Leserkreises mit Sicherheit enttäuscht.