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Mörderische Skizzen

Die Sonderabteilung für Paranormale Vorfälle

Methodenanarchismus

Worum es sich bei dieser Abteilung im Groben handelt – obwohl sie in Wahrheit noch viel geheimnisvoller und komplexer ist – gibt Rabe in einem Gespräch mit Harry vielleicht am besten wieder:
   
„Übersinnliches? Die Münchner Polizei hat eine Abteilung für übersinnliche Vorkommnisse?“, fragte ich, vollständig verblüfft.
Rabe trat unbehaglich von einem Bein aufs andere, was ihm ein leicht storchenartiges Aussehen verlieh. „Übersinnlich setzt es vielleicht schon zu hoch an, aber in diesem Punkt sind wir alle wohl unterschiedlicher Meinung. Wissen Sie, was ‚para’ bedeutet? Es kommt aus dem Griechischen und heißt ‚bei, neben, falsch’. Wir sprechen hier also von Vorfällen, die – ja, was? Neben unserer Wirklichkeit herlaufen? Hein interpretiert unsere Abteilung im letzteren Sinne des Wortes, als ‚Falsche Wirklichkeit’. Er hat eine mehr oder weniger entgegengesetzte Auffassung von unserer Arbeit als ich. Seiner Ansicht nach sind diese paranormalen Vorfälle nichts weiter als eine künstliche, falsch hergestellte Wirklichkeit. Anders gesagt: die Lügen der Beteiligten in einem Mordfall. Sein und Schein, Sie verstehen schon. Er ist auf der Suche nach dem Sein, das hinter diesen Vorspiegelungen falscher Tatsachen steckt. Ich persönlich verstehe unsere Abteilung tatsächlich als eine Erforschung von Nebenwirklichkeiten. Parallelwelten, die wir mit unseren normalen Sinnesorganen meist nicht wahrnehmen können. Nicht oft, aber ein paar Mal im Jahr werden wir mit einem Fall konfrontiert, der sich nicht vernünftig erklären lässt; die meisten allerdings stellen sich als ganz banale Verbrechen heraus.“
„Ich habe noch nie von einer derartigen Abteilung gehört.“ Ich war so fasziniert, dass ich vergaß, mir Sorgen um Alison zu machen.
„Dass in Deutschland ...“
Rabe sah mich mutlos an. „Es wird nicht gern darüber gesprochen. Um ehrlich zu sein, manchmal denke ich, man schämt sich für uns. Eine Abteilung für Übersinnliches in Deutschland – es ist irgendwie nicht vorstellbar.“
Ich nickte. Das verstand ich. Außerdem stellte ich mir im Stillen die ketzerische Frage, ob man nicht eine besondere Abteilung für Hein gegründet hatte, einfach nur um ihn loszuwerden. „Haben Sie denn überhaupt schon mal einen Fall gelöst, der nur mit übersinnlichen Phänomenen zu erklären war?“
Rabe blickte leicht gekränkt. „Natürlich. Wir lösen ständig irgendeinen Fall.“
„Ja, aber – ich meine, sind Sie jemals auf Beweise für die Existenz des Übernatürlichen gestoßen?“
Er überlegte. „Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Die Spurensuche beim Übernatürlichen gestaltet sich natürlich ganz anders als bei einem normalen Mordfall. Sie können nicht mit den üblichen Maßstäben herangehen, verstehen Sie? Wie wollen Sie die Spuren eines Geistes verfolgen, beispielsweise?“
Ich nickte langsam und resigniert. „Ich glaube, ich verstehe jetzt so einiges, vor allem, was Heins Recherchemethoden betrifft. Man kann vom Übernatürlichen vermutlich nicht verlangen, dass es sich an die Gesetze der Logik hält, oder?“
Rabe schüttelte den Kopf. „Das stimmt so nicht“, sagte er nachdenklich. „Auch das Übernatürliche ist sehr ordentlich. Es funktioniert nur einfach nach einer anderen Ordnung. Die Schwierigkeit besteht darin, erst einmal zu unterscheiden, ob es etwas Natürliches oder Übernatürliches ist, und dann das entsprechende Ordnungssystem darauf anzuwenden. Oft landen Fälle bei uns, die sich als ganz banale Verbrechen entpuppen, und man hat es mit einem besonders begabten Kriminellen zu tun, der einfach einen neuen Weg eingeschlagen hat. Aber immer ist das nicht so, und dann wird es schwierig zu durchschauen, was eigentlich passiert ist. Am schlimmsten sind die Geister.“
Ich zuckte zusammen.
„Es gibt keine Geister“, sagte ich laut.
Ich wusste nicht, zu wem ich das eigentlich sagte, oder wen ich davon überzeugen musste, ihn oder mich selbst.
Rabe sah mich mitleidig an. „So reagieren die meisten. Niemand will es wirklich wahrhaben.“
Ich schwieg hartnäckig.
„Aber sie lassen sich nicht immer ignorieren. Sie sind lästig, die Geister, finden Sie nicht?“, fuhr Rabe versonnen fort, ohne sich um mein Schweigen zu kümmern. „Quengeln in einem fort, wie die Kinder, wenn sie nicht genügend beachtet werden.“