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Mörderische Skizzen

Animare, Animation

Über lebende Klischees

Die Idee zu diesem Roman ist in ihrem Kern zurückzuführen auf Franz Kafka und Edgar Wallace. Franz Kafka schrieb einst in seinen Tagebüchern folgenden Gedanken nieder:

„Dieses Verfolgen nebensächlicher Personen, von denen ich in Romanen, Theaterstücken usw. lese. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das ich da habe! In den ‚Jungfern von Bischofsberg’ (...) wird von zwei Näherinnen gesprochen, die das Weißzeug für die eine Braut im Stücke machen. Wie geht es diesen zwei Mädchen? Wo wohnen sie? Was haben sie angestellt, dass sie nicht mit ins Stück dürfen, sondern förmlich draußen vor der Arche Noah unter den Regengüssen ertrinkend zum letzten Mal nur ihr Gesicht an ein Kajütenfenster drücken dürfen, damit der Parterrebesucher für einen Augenblick etwas Dunkles dort sieht?“

Von hier bis zu den Charakteren der Edgar Wallace-Filme meiner Kindheit war es dann nur noch ein Katzensprung. Spontan flackerten Schwarzweiß-Bilder in meiner Erinnerung auf: Schwitzende dicke Männer, die sich während ihres kurzen Leinwandauftritts so unsympathisch oder taktlos benahmen, dass jedem klar war, sie würden innerhalb der nächsten Minuten eines grausamen Todes sterben. Es gab jedoch auch überspannte Gräfinnen, vor Bosheit förmlich knisternde, intrigante Haushälterinnen und andere Verräter, deren Mangel an Moral ihr unmittelbares Ableben zur Folge hatte.
Manche von ihnen fand ich unerträglich überspannt, andere konnten einem einfach nur leidtun. Wieso unternahm niemand auch nur den Versuch, die Geschichte dieser Figuren zu erzählen? Vielleicht hielt man die Zuschauer in den Sechziger Jahren ja noch für so zart besaitet, dass man ihnen den Tod einer sympathischen Figur nicht zumuten wollte … wäre ihr Ableben zu deprimierend gewesen, sobald man sie besser kennenlernte? Wie auch immer, das kurze Aufflackern von Niedertracht – oder auch ein wahres Leuchtfeuer an Bosheit – war immer der sicherste Hinweis, dass es mit der Figur zu Ende ging.
Aber: Wer waren sie eigentlich wirklich, wie fühlten sie sich? Wussten sie, dass sie sterben würden, oder waren sie die Einzigen, die völlig ahnungslos über die Leinwand wanderten?
Was wäre mit der Figur geschehen, hätte man ihr ein Mitspracherecht eingeräumt? Hätte sie wirklich in ihren Tod eingewilligt?

Und damit stellt sich doch eine ganz grundsätzliche Frage: Was geschieht mit einem Klischee, wenn es zu leben beginnt? Animation kommt von animare, lebendig machen. Wie ernst muss ein Schöpfer von Welten seine Aufgabe nehmen? Darf er eine Figur nicht zu Ende denken, nur weil er ihr lediglich eine Rolle als Statist im Hintergrund zugedacht und bereits ihren Tod geplant hat? Oder sollte er nicht lieber jede Figur so denken, als könnte sie jede Sekunde lebendig werden?