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Mörderische Skizzen

In der Produzentenvilla

Alison geht ins Netz

Langsam begann ich, die breiten Stufen hinauf zu steigen. Es war sehr still im Haus, ich hörte noch nicht einmal das Geräusch meiner Schritte, da sie von einem dicken, weinroten Teppich verschluckt wurden. An meinen Händen das glatte Holz des Geländers, das unter mir dahinglitt, während ich Schritt für Schritt nach oben stieg.
Oben angekommen, sah ich noch immer niemanden. Hier hörte der Teppich auf, und ein weißer Marmorboden schimmerte im Dämmerlicht. Im Gang befanden sich mehrere geschlossene Türen. Wohin sie wohl führen mochten? Sie schienen mich einladend anzusehen mit ihrem weiß lackierten Holz und den goldenen Klinken, doch ich beschloss, ihnen fern zu bleiben. Geschichten, in denen sich jemand in verschlossene Zimmer schleicht, gehen meistens schlecht aus.
„Hallo? Ist da wer? Ich bin’s, Alison.“
Meine Stimme klang dünn, seltsam substanzlos in der Leere des Hauses. Es störte mich, dass ich mich so vorhersehbar verhielt. Mein Rufen war der folgerichtige nächste Schritt. Vorhersehbarkeit kann tödlich sein. Wenn man jedoch, ohne jegliche Hilfsutensilien, in einem leeren Raum vor einer Reihe geschlossener Türen steht, bleiben einem nicht viele Möglichkeiten. Weiter hinten verschwamm der Gang im Zwielicht der Dämmerung. Niemand hatte sich bisher die Mühe gemacht, das Licht einzuschalten.
Ein Schritt vorwärts, dann noch einer. Meine Schritte hallten auf dem steinernen Fußboden. Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Dämmerlicht. Etwas funkelte im Hintergrund, reflektierte einen Lichtschein, der durch ein Fenster im Gang nach innen drang.
Aber warum war das Licht dort hinten, dem Fenster gegenüber? Dann erkannte ich, woran es lag. Ein Spiegel hing dort in der Tiefe des Gangs, pompös und geschmacklos wie das meiste in diesem Haus. Zeichen des Wohlstands aus einer versunkenen Epoche, mit goldenem Rahmen. Ich trat näher. Spiegel übten eine beinahe magische Anziehungskraft auf mich aus. Ich sah meinen Umriss in der sich reflektierenden Scheibe, undeutlich zunächst, dann immer schärfer, je näher ich kam. Schließlich stand ich direkt vor dem Spiegel und sah mich an.
Die Stunden mit Jeff im Keller seines Hauses hatten mich tatsächlich lebendig gemacht. Ich sah das Blut in meinen Adern pochen, ich sah, wie sich meine Brust hob und senkte, während ich still in mich hinein atmete.
Einen Moment blieb ich so stehen, ganz vertieft in meinen Anblick, bis mir mehr und mehr bewusst wurde, dass irgendetwas nicht stimmte. Dann begriff ich plötzlich, was es war, das mein Geist sich so hartnäckig zu sehen weigerte. Neben meinem Bild im Spiegel war der Produzent. Sein Blick war unverwandt auf mich gerichtet, aber das war nicht das Schlimmste. Das Erschreckende war, dass ich ihn aus einer völlig unerwarteten Perspektive sah. Er musste direkt hinter mir sein, doch ich hatte ihn im Vorbeigehen nicht gesehen.
Was kein Wunder war, wie mir dann klar wurde. Er stand nämlich nicht hinter mir, er kauerte rechts an der Seite, auf dem Boden neben einer kleinen Kommode, und starrte mich daher von unten an. Er saß da, reglos wie eine gotische Skulptur, die als logische Fortsetzung aus dem Steinboden gewachsen war.

Wenn man zu Tode erschrickt, hat man plötzlich alle Zeit der Welt. Die Sekunden dehnen sich aus zu unendlichen Zeiträumen, und die Welt steht still. Und inmitten dieser Stille wandert man voll Ehrfurcht um die Szene herum und bestaunt sie von allen Seiten. Das eigene Blut hat aufgehört zu fließen, nicht weil es zu heiß oder zu kalt geworden ist. Das glaubt man nur. Es fließt nicht mehr, weil es die Richtung vergessen hat, in die es sich bewegen soll.

Ganz still saß der Mann da, zum Sprung bereit, ohne mich aus den Augen zu lassen. Und obwohl er so reglos war wie Stein, schien mir, ich hätte noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt. Ich glaube, der Anblick war so furchtbar, weil er völlig sinnlos war. Als wäre der Mann verrückt geworden. Oder ich. Oder die ganze Welt.
Allerdings waren das in jenem Moment noch keine klar formulierten Sorgen. Es war ein Gefühl, nichts weiter, das sich von der Netzhaut der Augen ausgehend im gesamten Körper ausbreitete, kalt wie sibirisches Eiswasser. Es war nichts anderes als eine tiefe Beunruhigung, ein Zweifel. In welche Welt war ich da geraten?