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Mörderische Skizzen

Der Morgen nach dem Mord

Harry macht Bekanntschaft mit der Sonderabteilung für Paranormale Vorfälle

Einen Moment starrten der kleinere der beiden Männer und ich uns an, und ich fragte mich, ob diese skurrile Erscheinung vor mir echt war, oder ob ich schon wieder einer meiner Figuren gegenüberstand. Doch natürlich konnte ich ihn schlecht fragen; die Menschen sind schon wegen weniger in einer geschlossenen Anstalt gelandet.
„Ja, bitte?“, sagte ich also stattdessen und hängte ein harmloses „Ist etwas passiert?“ dran.
Ich fand das gut, so hätte ich auch jede meiner Figuren reden lassen, wenn sie um fünf Uhr morgens von der Polizei aus dem Bett geklingelt worden wäre. Wenn ich jetzt eine Figur in einer Fernsehserie wäre.
Beide Gestalten sahen mich einen Moment lang unverwandt an, als hätte ich etwas leicht Obszönes gesagt, und als würden sie überlegen, ob sie darauf eingehen oder die Bemerkung taktvoll überhören sollten. Dann stieß der Kleinere wieder den Kopf ruckartig nach vorn, neigte ihn zur Seite und starrte mich mit einem runden, seltsam lidlosen Auge an.
„Kommissar Hein. Dürfen wir einen Augenblick reinkommen?“
„Muss das sein? Ich meine, Sie haben mich geweckt. Es ist fünf Uhr morgens.“
„Ja.“
„Natürlich, wenn Sie wollen. Können Sie sich ausweisen?“
„Können Sie sich ausweisen, können Sie sich ausweisen?“, äffte mich Kommissar Hein nach. Er klang erbittert. „Warum glaubt eigentlich jeder Trottel von einem Mordverdächtigen, dass er das als Erstes fragen muss?“
Dann sah er mich durchdringend an. „Soll ich Ihnen was verraten?“, sagte er. „Es sind Menschen wie Sie, die mir mein Magengeschwür eingebrockt haben. Schreiberlinge, die die Wirklichkeit verzerren, und alle glauben sie den Quatsch. Idioten. Was meinen Sie, wie oft ich Leute wie Sie verflucht habe, wenn ich ermitteln muss, und jeder Schwachkopf, den ich befrage, kommt mir mit diesen scheinprofessionellen Fragen? Ich habe große Lust, Sie wegen Behinderung einer Amtsperson festzunehmen.“
Ich starrte fassungslos zurück. Er musste ein frühes Werk von mir sein, vielleicht aus meiner leicht skurrilen Jugendphase, als ich den Expressionismus der Zwanzigerjahre imitiert hatte. Aber ich konnte mich nicht erinnern. Und er wirkte trotz seiner befremdlichen Art ziemlich echt. Der andere scharrte unbehaglich mit den Füßen und hüstelte, dann zückte er einen Lichtbildausweis und hielt ihn mir unter die Nase. Binnen einer Sekunde hatte er ihn wieder zurückgezogen, als fürchte er, sein Partner könne danach schlagen.
„Rabe!“, zischte Hein erbost.
„Wie bitte?“, fragte ich verwirrt.
Der Mann mit der Hakennase zuckte verlegen die Schultern. Die Geste hatte etwas eigenartig Kindliches an sich, ein leises Schlenkern trotziger Arme. „Entschuldigung“, sagte er zu Hein, ohne ihn anzusehen. Dann, zu mir gewandt: „Mein Name ist Rabe. Franz Rabe.“ Darauf fiel mir nichts ein. Also öffnete ich die Türe weit und lud die beiden mit einer schwachen Handbewegung ein, herein zu kommen.
Hein stolzierte an mir vorbei und steuerte zielbewusst auf mein rotes Sofa zu. Franz Rabe blieb unbehaglich stehen, mit hängenden Armen und einem traurigen Blick, der über meinen Boden wanderte auf der Suche nach – was eigentlich? Krümeln? Blutflecken? Ich wusste es nicht.
„Wollen Sie mir nicht endlich sagen, was passiert ist?“
Offensichtlich wieder die falsche Frage. Hein musterte mich schlau und sagte dann gedehnt: „Das wüssten wir auch gern. Also, was ist da unten im Keller passiert zwischen Ihnen beiden?“
„Zwischen uns beiden? Zwischen wem denn? Und in welchem Keller? Herrgott noch mal, hören Sie doch endlich auf, mich vor Rätsel zu stellen! Was ist passiert, wurde jemand ermordet?“
Über Heins Gesicht huschte ein triumphierendes Lächeln, und er beugte sich nach vorne, um mich mit gefalteten Händen, seitlich geneigtem Kopf und seinem rechten Auge durchdringend anzustarren.
„Woher wissen Sie, dass jemand ermordet wurde, wenn Sie gleichzeitig darauf beharren, nicht da gewesen zu sein?“
„Ich war auch nicht da!“ schrie ich, langsam völlig außer mir.
„Ah!“ Hein lehnte sich wieder zurück, die Fingerspitzen nun affektiert aneinander gelehnt. „Sie verwickeln sich in Widersprüche. Das sieht nicht gut für Sie aus.“
„Dass jemand ermordet wurde, habe ich nur geraten“, sagte ich und zwang mich zur Ruhe. „Sonst würden Sie ja auch kaum so einen Wirbel machen, oder?“
„Sie scheinen sich mit den Praktiken der Polizei ja ganz gut auszukennen, was?“ Hein grinste unangenehm.
Wir hätten noch Stunden so weitermachen können. Ich hatte das seltsame Gefühl, mich in einer Zeitschleife zu befinden, aus der ich alleine nicht mehr herausfinden würde. Ich sah Rabe an, und er sah mich an. Eigenartigerweise hatte ich den Eindruck, dass er genau wusste, wie es mir ging. Vielleicht war dem auch so, denn plötzlich kam Bewegung in ihn. Nachdem er hastig seinen Chef gemustert hatte – zumindest ging ich davon aus, dass Hein der Chef war – sagte er zu mir:
„Wir haben ein Problem. Eine Leiche im Keller, ein Mensch, der auf ziemlich ... ungewöhnliche Art und Weise getötet wurde.“
„Ungewöhnlich, ach was“, sagte Hein wegwerfend. „Ein ganz normaler Mord, wenn Sie mich fragen.“ Er lehnte sich vertraulich zu mir.
„Rabe hat eine ausgewachsene Leichenphobie.“
„Das ist nicht wahr“, sagte Rabe traurig.
„Wohl wahr“, zischte Hein zu ihm hinüber. Dann, wieder zu mir gewandt: „Jedes Mal, wenn er eine Leiche sieht, läuft er grün an. Können Sie sich das vorstellen? Ein Polizeiunterkommissar, der kein Blut sehen kann. Begreifen Sie, warum ein Mensch mit einer Leichenphobie bei der Polizei arbeitet?“
Ich hätte sterben können vor Sorge. Ich musste wissen, was eigentlich passiert war. Vielleicht hing bereits der Schatten des Todes über mir. In jedem Fall stünden meine Karten besser, wenn ich endlich erfuhr, was gespielt wurde. Aber mir war klar, dass ich so nicht weiter kam.
Ich hatte mal einen Freund, der seine Ausbildung beim Militär absolviert hatte. Er war Spezialist für Desinformation. Als er ins Zivilleben zurückkehrte, begann er, für ein Filmstudio zu arbeiten. Innerhalb weniger Wochen schaffte er es, das Sozialgefüge des Studios zu sprengen.
Hein hatte ausgesprochene Ähnlichkeit mit ihm. Was der Kommissar allerdings nicht ahnen konnte: Ich hatte einen ganz privaten Selbstverteidigungskurs bei meinem Freund absolviert. Eigentlich sind die Mechanismen einfach, jeder Idiot kann die Hebel bedienen, sobald er weiß wie sie funktionieren. Sogar ich, obwohl ich in Strategiespielen und menschlichem Miteinander nicht gerade ein Genie bin. Aber jetzt, das war mir klar, ging es um alles.
Das Wort „Mord“ war gefallen, und das kalte Vogelauge des Kommissars ließ keinen Zweifel daran, dass er mir an den Kragen wollte. Warum auch immer.
Befindet man sich im Strudel der Desinformation, muss man die Schwachstelle des Feindes ausmachen und ihn dort angreifen, wo er sich am schlechtesten zu wehren vermag.
Ich musterte Franz Rabe. Blendete Hein vollständig aus, als würde er nicht existieren, und sprach mit seinem Untergebenen:
„Könnten Sie mir in zwei, drei Sätzen sagen, was passiert ist? Ich habe das Gefühl, dass Sie sehr gut im Erfassen und Darlegen logischer Zusammenhänge sind.“
Eisige Stille senkte sich über den Raum. Rabe erbleichte und warf einen hastigen Blick zu seinem Chef. Dieser starrte nur schmallippig zurück. Dann mach doch, wenn du so toll bist, schien dieser Blick zu sagen.