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Mörderische Skizzen

Im Kino

Unter Wölfen

In der Mitte des Foyers waren einige Bistrotische aufgestellt, und dahinter, am anderen Ende des runden Raumes, befand sich ein Verkaufstresen mit einer Kaffeemaschine. Rechts neben der Theke gähnte eine offene Türe, ein schwarzes Rechteck, das in den dunklen Zuschauerraum führte. Hinter dem Tresen stand ein ältlicher Mann mit einem struppigen grauen Vollbart und sah von seiner Zeitschrift auf, als wir eintraten.
Erwartungsvoll blickte er in unsere Richtung, dann begann er, eifrig die Cola-Flaschen und Haribo-Tüten vor sich auf dem Tresen zu ordnen. Leise knisterte das Plastik unter seinen dünnen alten Fingern, die wie fleißige Spinnenbeine über die Reihen hasteten. Sonst war nichts zu hören, kein Geräusch, nur das hektische Rascheln der Tüten. Ich hatte den Arm um Alison gelegt, weil ich das seltsame Gefühl hatte, ich müsse sie anfassen, damit sie mir nicht vollständig entglitt. Wir näherten uns dem Mann, der in sich hinein murmelte, während er Tüte für Tüte anordnete. Als wir vor seinem Tresen zum Stehen kamen, hielten seine Finger inne, und sein grauer Bart begann erwartungsvoll zu zittern. Langsam hob er das Gesicht in unsere Richtung. Sobald er aufsah, bemerkte ich, dass seine Augen von einer milchig weißen Schicht überzogen waren, und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Er war blind, was mich leicht aus der Fassung brachte. Warum hatte ich es nicht gleich bemerkt? Einen Moment verharrten wir alle reglos, dann begann die Mimik des Alten zu arbeiten, jeder Muskel in seinem Gesicht suchte seinen Platz, bis schließlich ein einladendes Lächeln auf seinen Zügen lag.
„Sie wünschen?“
„Wir möchten ins Kino.“
„Das ist schön“, sagte er versonnen und lächelte unbeeindruckt weiter. „Als ich jung war, bin ich auch immer nachmittags ins Kino gegangen. Ah, ich erinnere mich – die Western mit John Wayne, die Tanzfilme mit Fred Astaire und Ginger Rogers. Und die Komödien von Howard Hawks – was haben wir gelacht. Jaja.“ Einen Moment verharrte er und seufzte, gefangen in seinen Erinnerungen. Dann ordnete er weiter die Gummibärchen an.
Einen Moment sah ich ihm dabei zu. Was für ein alter Spinner, dachte ich.
Ich gebe es zu, ich bekam schlechte Laune. Und je länger ich diesem alten Mann bei seiner sinnlosen Beschäftigung zusah, um so gereizter wurde ich. Obwohl er blind war; ich weiß. Aber ich konnte nichts dagegen tun.
„Kann ich jetzt zwei Eintrittskarten haben, bitte?“, sagte ich schließlich, nachdem ich ihn noch eine weitere Minute bei seiner filigranen Arbeit beobachtet hatte.
Sein Lächeln verschwand abrupt, und seine Finger kamen zum Stillstand. Noch immer hielt er den Kopf in unsere Richtung; allerdings schien er zwischen uns beiden hindurchzublicken.
„Sie wollen ins Kino? Hier?“
Man könnte auf so eine Frage wohl hunderte origineller Antworten geben, aber mir war einfach nicht danach.
„Das habe ich gesagt. Zweimal, bitte.“
Jetzt begann sein Bart wieder zu zittern, als verfüge er über eine eigenständige Gefühlswelt, und der Alte warf einen unsicheren Seitenblick in Richtung der offenen Türe. Sie führte in eine vollendete, stille Finsternis, und ich fragte mich, warum mich diese Stille so beunruhigte. Außerdem fragte ich mich, wie ein Blinder eigentlich Seitenblicke werfen kann. Ich begriff nicht, weshalb er das überhaupt versuchen sollte.
„Die Vorstellung hat schon angefangen“, sagte er.
Ich bezwang meine Ungeduld. Man weiß ja, wie das mit älteren Menschen ist. Die Übertretung der banalsten Alltagsregeln bringt sie aus dem Konzept, und vermutlich würde es nicht helfen, wenn ich jetzt patzig wurde.
„Wir sind doch nur fünf Minuten zu spät. Ich verspreche, dass wir leise sind beim Reingehen“, sagte ich also statt dessen beschwichtigend. Ich kam mir sehr diplomatisch vor dabei.
Der Alte stand einen Moment ganz unbeweglich und dachte nach, dann sagte er: „Ist eigentlich ein ganz alter Film. Sie haben ihn bestimmt schon gesehen, er lief bereits vor zwanzig Jahren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum Sie ihn überhaupt sehen wollen. Wie wär’s mit einem Kaffee?“
Es ist schwer auszuhalten, wenn die Dramaturgie des Lebens einem immer wieder in Form von unberechenbaren Mitmenschen einen so kompletten Strich durch die Rechnung macht. Ganz zu schweigen davon, dass es einen irritiert. Seit gestern war mein Leben aus den Fugen geraten, und ich war so damit beschäftigt, eine Wirklichkeit zu begreifen, die mir fremd geworden war, dass mich die alltäglichen kleinen Marotten meiner Mitmenschen völlig ins Schleudern brachten. Oder waren es keine kleinen Marotten? War die Welt insgesamt verrückt geworden, und ich war der Einzige, der es bemerkte?
„Ich will keinen Kaffee. Ich will in den Film. Kriegen wir jetzt Karten, oder ist die Vorstellung ausverkauft?“
Der alte Mann zuckte die Schultern. „Ich wollte nur höflich sein, kein Grund, patzig zu werden. Ich koche guten Kaffee. Hier haben Sie Ihre Karten.“
Er tastete nach der Rolle und riss zwei Eintrittskarten ab. Dann sagte er, so kühl, wie er das nur fertigbrachte: „Macht dann zehn Euro. Gummibärchen?“
„Nein, danke“, sagte ich, während ich ihm das Geld rüberschob. Noch ein taktischer Fehler. Er rührte sich nicht, sondern sah nur unverwandt ins Leere. Er schaffte es tatsächlich, vernichtend dreinzuschauen. Dabei fiel mir etwas Seltsames auf. Da er keinen richtigen Ausdruck in den Augen hatte, wirkten seine Pupillen wie zwei Parallelen, die sich nicht berührten, die sich höchstens in der Unendlichkeit treffen konnten. Jedes Auge für sich war unabhängig vom anderen und doch exakt gleich, wie ein Zwilling. Seltsam war aber vor allem die Erkenntnis, dass zwei kugelförmige Objekte eine Parallele ergeben können. Schon absurd, dachte ich zerstreut.
Der Alte blinzelte. „Hier ist alles ganz sauber, wissen Sie. Außerdem sind die Gummibärchen abgepackt, ich bin gar nicht dran gekommen“, erklärte er dann kühl.
„Das hat doch damit nichts zu tun“, sagte ich verwirrt. „Können wir jetzt endlich rein?“
Er schluckte, wobei sein Bart einen merklichen Hüpfer machte. Unter anderen Umständen hätte er mich so fasziniert, dass ich ihn für eine meiner Serien vorgemerkt hätte. So, wie unsere Beziehung sich im Moment entwickelte, hätte ich ihn allerdings innerhalb der ersten fünf Minuten erschießen lassen.
Ich schenkte ihm einen letzten strengen Blick, von dem ich hoffte, dass er ihn in irgendeiner Form wahrnehmen konnte, dann wandte ich mich um und ging in Richtung Türe. Zögernd näherten wir uns dem Vorführraum, und für eine Sekunde, während ich auf die Dunkelheit vor mir starrte und den schweren Atem des Alten hinter mir hörte, überkam mich das deutliche Gefühl, dass ich im Begriff war, einen schweren Fehler zu begehen. Am liebsten hätte ich kehrt gemacht und das Kino verlassen, so schnell ich konnte.
Aber wenn wir all unseren Ängsten nachgeben, wenn wir noch nicht einmal mehr imstande sind, den dunklen Vorführraum eines leeren Kinos zu betreten – sagen Sie selbst: Wo kämen wir da hin?

Im flackernden Licht von American Werewolf starrten Alison und ich uns an, und keiner wollte den Blick als Erster wieder senken. Bis etwas Seltsames geschah. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass sich die Stimmung auf der Leinwand veränderte.
Für den Fall, dass jemand den Film nicht kennt: Er beginnt damit, dass zwei amerikanische Freunde mit ihren Rucksäcken wandern gehen, ich glaube in Schottland, und eines Nachts von einem Werwolf angegriffen werden. Ein Freund stirbt in den Fängen des Wolfs, dem anderen gelingt es zu fliehen. Doch er ist verletzt und damit infiziert mit dem Fluch des Werwolfs. Er hat Alpträume, Nacht für Nacht, bis der Monat schließlich um ist und ein neuer Vollmond am Himmel steht. Und mit Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich der junge Mann in einen Werwolf und macht London unsicher. Er will nicht wahrhaben, was mit ihm geschieht, auch nicht, als er am nächsten Morgen nackt im Zoo bei den Wölfen aufwacht, und so erscheint ihm immer wieder der Freund, der in den Fängen des Wolfs sein Leben verloren hat und jetzt als Untoter durch London geistert, um dem neuen Werwolf ins Gewissen zu reden. Dabei waren einige ebenso skurrile wie unheimliche Situationen zustande gekommen. An einer Stelle zum Beispiel besucht der Untote seinen Freund in der Wohnung, um über den Fluch und überhaupt ganz existentielle Dinge zu reden, und er sitzt da auf dem Sofa mit aufgerissenem Hals, so dass man seine Wirbelsäule sehen kann, und ein Hautfetzen hängt noch an einer Stelle über der Wunde und dreht sich ganz irritierend im Luftzug, während er spricht, und auf einmal nimmt er eine kleine Mickey-Mouse-Figur in die Hand, lässt sie winken und sagt mit hoher Mickey-Mouse-Stimme: „Hallo, David.“ Der Film hatte Spaß gemacht, wirklich.
Die Szene, die wir nun gerade sahen, spielte in einem Pornokino. Der Untote hatte David am helllichten Tag dort hinein gewunken, um ungestört mit ihm reden zu können. Es war höchste Zeit, dass etwas geschah, um den Fluch zu beenden; und beendet war das Drama erst, wenn David tot war.
Nun hatte David aber nicht das geringste Interesse daran, zu sterben. Im Kino saßen nicht nur der Untote und David, sondern eine ganze Reihe anderer Zuschauer. Nach und nach drehten sie sich zu ihm um und starrten ihn an, und David wurde auf einmal klar, dass es seine Opfer waren. Sie befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Verstümmelung und Verwesung, und naturgemäß war keiner von ihnen wirklich gut auf David zu sprechen. Als die Toten nun anfingen untereinander zu diskutieren, wie David sich am besten das Leben nehmen sollte, taten sie das auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Manche waren ganz sachlich und stellten praktische Erwägungen bei einem Selbstmord in den Vordergrund, bei anderen war ein gewisses Maß an Rachsucht nicht zu übersehen; alles in allem zeigten sie jedenfalls relativ wenig Mitgefühl für seine Situation.
Das war also die Szene im Film, die soeben begonnen hatte, als ich unvermittelt eine Veränderung bemerkte. Von wo sie ausging, konnte ich nicht sagen ... war es der Saal, war es die Leinwand? Ich wandte den Blick von Alison ab und sah hastig zur Leinwand.
Und da war es – etwas.
„Ich finde, er drückt sich um seine Verantwortung“, sagte eine übel zugerichtete Frau mit langen, blonden Haaren. „Erschießen ist noch viel zu milde. Meiner Meinung nach sollte er langsamer sterben. So schön war unser Tod ja auch nicht.“
Und dabei – und das war das Seltsame – sah sie mich an. Mich, ganz persönlich.
Gut, man kann dagegen halten, dass die Schauspielerin, die von einem wirklich guten Maskenbildner übel zugerichtet worden war und blutverkrustet und einäugig in die Welt blickte, einfach nur in die Kamera sah, während sie ihr Sprüchlein herunterleierte. Aber die anderen schienen mich ebenfalls anzustarren, und ich hatte das bedrückende Gefühl, dass diese Zombies hier nicht mehr über den Werwolf redeten.
„Man muss sich seiner Verantwortung stellen“, sagte einer der Männer eindringlich, dessen linke Gesichtshälfte völlig zerfleischt war und einen Blick freigab auf den Schädelknochen. „Die Verantwortung übernehmen für die Toten, auch wenn man selbst glaubt, nicht unmittelbar schuld zu sein.“
Die Frau verschränkte vorwurfsvoll die Arme und nickte wieder, ohne mich aus den Augen zu lassen.
Es ist eine Sache, von einer Filmfigur beobachtet zu werden. Es ist jedoch eine noch ganz andere, wenn diese Figur eigentlich noch nicht einmal mehr im Film lebendig ist.
„Ich finde, wenn man zuvor nicht weiß, welche Konsequenzen eine Handlung hat, dann sollte das Urteil milder ausfallen“, sagte ich leise.
Unruhig flackerte das Licht durch den Saal und huschte über die Sitzreihen, tastete sich über Rückenlehnen, berührte mein Gesicht.
„Was hilft das den Toten?“, erwiderte die Frau mit ihren seidigen, langen Haaren. Einst, nur wenige Tage zuvor, musste sie schön gewesen sein. Wir sahen uns an, und ich hatte das Gefühl, gleich würde ich einknicken unter der Anklage dieses Blicks. Es war so still geworden, als würde die ganze Welt den Atem anhalten.
„Den Toten muss Gerechtigkeit widerfahren.“
„Sprechen wir hier von Gerechtigkeit? Oder von Rache?“, erwiderte ich.
Ich hörte meine eigene Stimme kaum, so wenig Atem war mir geblieben. Der Blick der Frau, der mich mühelos in der Dunkelheit des Kinos fand, war unerträglich.
„Die Lebenden brauchen die Toten. Wenn sie die Toten ignorieren, dann versiegen alle Quellen. Leben ist ohne die Toten nicht möglich.“
„Und was heißt das? Dass ihr uns runterzieht zu euch? Ist ein Lebender erst dann frei von Schuld, wenn er tot ist?“ Ich schrie es fast. Alison neben mir zuckte zusammen, und plötzlich spürte ich, dass die Augen aller auf mich gerichtet waren. Ich sprang auf, spürte jedoch, wie meine Knie nachgaben, und hielt mich an der Lehne vor mir fest. War es soweit? Waren sie gekommen, um mich zu holen?
Lächerlich, das alles. Jahrelang geht man zum Psychologen, um sich von seinen Neurosen kurieren zu lassen. Und dennoch ist er außerstande, das Hauptproblem zu lösen: Ich habe Angst zu sterben. Ich habe Angst vor den Toten, die mich suchen. Immer gesucht haben.
Plötzlich erkannte ich eine unerbittliche Wahrheit: Es gibt keine Heilung für mich. Es gab sie noch nie. Und gleichzeitig spürte ich eine Wut in mir aufsteigen, die mich zu überwältigen drohte. Ich hatte genug von ihnen.
„Die Lebenden sind nicht schuld daran, dass sie noch am Leben sind. Und dass ihr tot seid“, sagte ich heiser. „Lasst uns endlich in Ruhe.“
Nun wandte sich die Frau auf der Leinwand mir voll zu und sah mich mit ihrem übrig gebliebenen Auge an. Es war kein erfreulicher Anblick. Ein Kind neben ihr sagte:
„Du willst also nicht mit uns spielen?“
Es hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, in einem alten Kinderspiel, an das ich mich noch gut erinnerte: Ganz kleine Kinder glauben, sie wären selbst unsichtbar, sobald sie die Augen schließen. Und die Mütter spielen dieses schrecklich irreführende Spiel auch noch mit, stundenlang, bis sie selbst dran glauben.
Das Kindchen ist verschwunden,
jetzt haben wir kein Kindchen mehr.
Hups, da ist das Kindchen wieder, tralalalalalala.
Als das Kind die Hände wieder vom Gesicht nahm, um mir zuzulachen, sah ich, dass es keine Augen mehr hatte.
Zu meinen Füßen hatte sich wieder der Abgrund aufgetan, und ich blickte hinab in einen Strudel, der mich mit beinahe magnetischer Kraft anzog. Mir war, als würde ich taumeln, ins Schwanken geraten, obwohl ich mich mit aller Kraft an den Kinosessel vor mir klammerte.
„Geht es dir gut?“
Ich zuckte zusammen und sah verwirrt um mich. Es war Alison gewesen, die gesprochen hatte. Ihre Hand lag plötzlich auf meinem Arm, und ihre Berührung war wie der berühmte Strohhalm, an den man sich klammert, um aus dem Wasser gezogen zu werden.
Und dann tat ich etwas, das völlig neu für mich war: Ich klammerte mich an diesen Strohhalm, an den Rettungsversuch durch einen anderen, ich ging vor ihr in die Knie und vergrub mein Gesicht an ihrer Brust, um vor den tanzenden Lichtfiguren in diesem Kino zu fliehen, die allgegenwärtig waren.
Schon der Vogel Strauß hängt dem Irrglauben an, dass ihn das retten könnte; andererseits ist eine Frauenbrust eine ganz andere Sache als ein Loch im Wüstensand. Ich atmete tief ein und war plötzlich ganz still vor Staunen. Mir war nicht klar gewesen, wie gut Alison roch.
„Harry?“, sagte sie besorgt und legte mir die Hand in den Nacken. Ich rührte mich nicht, sagte nichts, sondern atmete nur den Duft ihres Dekolettes ein und lauschte auf die Geräusche und Bewegungen in meiner näheren Umgebung. Als nach einigen Minuten noch immer keine Filmfiguren von der Leinwand gestiegen waren, um mich zu holen, hob ich den Kopf. Wir sahen uns an, unsere Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Das Licht des Projektors huschte über Alisons Miene, vielleicht tanzten auch die Figuren der Toten über ihr Gesicht, in einer Mischung aus Licht und Schatten.